Interview: Lisa und Michael über das „Experiment Selbstversorgung“

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DSC04751Wir schreiben bei Biodukte nicht nur einen Blog, sondern wir lesen natürlich auch, was andere schreiben. Dabei sind wir schon vor einigen Wochen über das „Experiment Selbstversorgung“ gestolpert. Dort bloggen Lisa und Michael über ihre Erfahrungen bei der Umstellung auf Selbstversorgung und haben so spannende Themen, dass wir sie auch für Biodukte einmal interviewen wollten. Das hat nun geklappt:

Hallo ihr zwei, könnt ihr euch unseren Lesern kurz vorstellen?

Hallo! 🙂 Wir sind Lisa und Michael, ein Paar auf dem Weg zu gelebter Nachhaltigkeit, wenn man das abgedroschene Wort verwenden mag. Oder moderner ausgedrückt: Auf dem Weg zu mehr Resilienz. Oder vom Ergebnis her ausgedrückt: Ein Leben in Zufriedenheit.

Lisa ist 24 Jahre alt, hat Umweltpädagogik studiert und verbringt viel Zeit im Grünen, um ihrer Liebe zur Natur nachzugehen.

Michael ist 32 Jahre alt, strebt nach einem möglichst naturnahen und genügsamen Leben und freut sich über jeden Tag, den er in Garten und Natur verbringen darf.

 

Ihr betreibt euer Experiment Selbstversorgung nun schon seit mehreren Jahren, was war für euch der entscheidende Impuls oder Auslöser für dieses Abenteuer?

Im Prinzip war das zweigleisig. Ein positiver Zugang und eine Verstärkung aus Beobachtung der Welt.

Der Hauptgrund ist für uns, dass wir gerne in der Natur sind, es lieben, mit dem Boden zu arbeiten und beste Lebensmittel zu erzeugen. Das haben wir mit jedem kleinen Schritt in die Richtung immer stärker gespürt und so war die Idee schnell geboren und wir begannen sie umzusetzen.

Die Verstärkung dieser Idee war und ist die Beschäftigung mit dem Zustand unserer Gesellschaft, Wirtschaft und der ganzen Welt eigentlich. Wenn wir uns ansehen, wie dieser Konsum die einen kaputt macht, die schuften müssen bis zum Umfallen, damit sich die anderen in ihrem Überkonsum auch kaputt machen, weil sie trotz ständigem „im Hamsterrad laufen“ und konsumieren wider Erwarten nicht glücklicher werden. Wie diese ständig steigende Produktion das einzige Ökosystem, das dieser Planet hat, schädigt und mehr und mehr zerstört. Also diese Verrücktheit, das die Menschen überkommenen Ideen wie dem Materialismus hinterher laufen, sich dafür krank schuften, für ihn die Welt kaputt machen, nur um doch nicht glücklich und zufrieden zu werden. Anstatt Genügsamkeit und Zusammenhalt auszuprobieren.

Wir machen das schon seit Jahren und es ist einfach wundervoll. Und es wird einem immer fraglicher, warum nicht unzählige andere auch diesen um Welten schöneren Weg gehen.

 

Vollständige Selbstversorgung ist sicher nichts, was man über Nacht erreicht. Wie weit seit ihr schon auf dem Weg dorthin?

Um vollständige Selbstversorgung geht es uns ja auch nicht. Es ist total schön, dass wir an Frisch-Gemüse so gut wie nichts zukaufen müssen (außer der Gusto überkommt uns auf dem Markt) und das wir auch beim Lagergemüse mehr und mehr vom selbst angebauten haben. Aber die genaue Menge spielt gar keine so große Rolle. Die Idee ist ja, einen Teil des eigenen Bedarfs selbst anzubauen. Und das Holz zum Heizen und Backen selbst zu fällen, zu sägen, zu spalten. Und Kleidung zu nähen, wenn sie kaputt geht. Und so weiter. Damit senkt man den Bedarf an Fremdversorgung – die man im Moment ja hauptsächlich über Geld bekommt. Und wenn man weniger Geld braucht, muss man weniger Lebenszeit mit Geld verdienen verbringen. Und gewinnt dadurch selbstbestimmte Lebenszeit.

Gar nicht so zufällig ist aber ja die Selbstversorgung nicht unser einziges „Spielfeld“. Es geht ja viel mehr um einen höheren Selbstversorgungsgrad in der Region. Wir produzieren von daher die Dinge, die wir gut anbauen können, in größeren Mengen, um sie lokal zu verkaufen oder mit manchen Menschen zu tauschen – gegen Dinge, die wir selbst nicht anbauen. Oder gegen Hilfe bei anderen Dingen. Es geht also auch um Nahversorgung und regionales Einkaufen.

Gemeinsam mit anderen arbeiten wir gerade an einer Food Coop, also einer Gemeinschaft, die zusammen von regionalen Biobauernhöfen einkauft. Wir versuchen auch hier in unserem Umfeld die Idee von Gemeinschaftsbesitz statt Privatbesitz vorwärts zu bringen. Durch Unterstützung der örtlichen Bibliothek und durch das Verbreiten von Ideen wie gemeinsamen Gartengeräten oder Carsharing.

Es ist also umfassender als nur Selbstversorgung. Und diese wiederum ist nur ein Teil eines größeren Ganzen. Und daher ist uns selbst nicht so wichtig ob wir uns zu 60, zu 70, zu 90 oder vielleicht in manchen Jahren nur zu 30 Prozent selbst versorgen.

 

Immer wieder hat die Lebensmittelindustrie mit Skandalen zu kämpfen. Was ist eurer Meinung nach die richtige Lösung im Spannungsfeld zwischen Bio- und Massenproduktion?

Schwierige Frage. Ganz allgemein sollten die Supermärkte samt ihrem Preisdruck ein wenig aus dem Spiel genommen werden. Die Produzent*innen und die Konsument*innen sollten wieder direkter miteinander kommunizieren und sich faire Preise aushandeln. Über Community Supported Agriculture (CSAs) oder Lebensmittelkooperativen, die auch Food Coops genannt werden, ist sowas zum Beispiel organisierbar.

Wenn der Preisdruck wegfällt, ist eine der großen Ursachen für das Betrügen und Pfuschen hinfällig. Und wenn wir den Handel zwischen Bäuer*innen und Konsumierenden dann überwiegend über regionale Märkte, CSAs und Lebensmittelkooperativen abwickeln, entsteht auch wieder mehr Transparenz und mehr Vertrauen. Die Transparenz reduziert die Gefahr von „skandalösem Verhalten“ noch weiter; das Vertrauen ermöglicht wieder faire Preise für die Produzierenden.

Ganz davon abgesehen ist auch wichtig, dass die Konsumierenden zu Prosumierenden werden. Also zu Menschen, die sowohl konsumieren als auch produzieren. Und wenn es nur ein kleiner Anteil des eigenen Bedarfs ist, den du selbst deckst: es macht einen großen Unterschied! 🙂

 

Lassen sich Agrargesellschaft und Industriegesellschaft in euren Augen unter einen Hut bringen?

Die bäuerlichen Tätigkeiten sind die Grundlage jeder Gesellschaft. Von daher sollte man einer Landwirtschaft, die langfristig die Gesundheit der Böden erhält, immer einen angemessenen Platz in der Gesellschaft einräumen. Die Frage ist für uns viel mehr, ob sich eine Industriegesellschaft mit einer zukunftsfähigen Gesellschaft unter einen Hut bringen lässt.

Der einzige Weg, unser Wirtschaftssystem vor einem Kollaps durch einen wie auch immer gearteten „peak everything“ zu bewahren, ist sicher Reduktion. Peak everything bezeichnet die Theorie, dass zahlreiche endliche Ressourcen, auf denen derzeit unsere Wirtschaft basiert, in einem recht überschaubaren Zeitraum ausgehen. Dies wären zum Beispiel Öl, Phosphor und fruchtbare Böden. Natürlich wird sich der Mensch irgendwie daran anpassen – aber weniger schmerzvoll und schwierig wäre es für die Gesellschaft, sich schon vorab „by design“ anstatt später „by desaster“ eine anderen Lebensstil anzugewöhnen.

Von daher ist die Frage nicht, wie wir die Industriegesellschaft mit irgendwas unter einen Hut bringen können oder wie wir sie grün färben können, sondern wie wir sie möglichst weit zurückbauen können und durch regionale, auf menschlichen Arbeitsinputs, anstatt auf Öl, beruhende Wirtschaftskreisläufe ersetzen können.

Der Weg dahin umfasst auch ein lustvoll genügsames Leben in sozialen Gemeinschaften – das im Übrigen nicht nur jede*r heute beginnen kann, sondern das auch viel zufriedener macht als das Hamsterrad.

 

„Alternative Ökos“ und eine Facebook Community mit über 30.000 Fans, wie passt das zusammen?

Das passt in sofern zusammen, als das wir ja nicht zurück ins Mittelalter wollen oder Technik verteufeln würden. Sondern einfach die nächsten Schritte gehen, die unserer Gesellschaft gut täten. Und eines, was sicher niemand abschaffen will, ist Kommunikation untereinander. Diese läuft heutzutage eben sehr viel über das Internet ab.

 

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Über den Autor

Jens Wiese hat zusammen mit Natalie Hauser die Seite Biodukte.de ins Leben gerufen und ist in erster Linie für die technische Betreuung zuständig.

2 Kommentare

  1. Schaefer,Martin am

    Hallo,ich/wir finden es toll was ihr so macht!Ihr seit schon da wo wir noch hin wollen!
    Wir stecken noch in der grauen Theorie fest,planen aber schon in naher Zukunft
    auch als Selbstversorger mehr oder minder zu leben!Wir verfolgen weiterhin eure Berichte und Erfolge mit Spannung und können daraus viel Erkenntnisse für unsere Zukunft gewinnen!
    Weiterhin viel Erfolg euch beide und vor allen viel Spaß bei eurem tun!

    L.G. Martin+Sonja

  2. Pingback: tines Garten 9 | Tines Talk

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